Restaurant- Tip
von Nikolas Rechenberg
Und wirklich gibt es noch gute Gründe, mal wieder nach Kreuzberg zu fahren. Der beste ist das Restaurant "H. H. Müller". Eine einsame Flamme lodert vor dem stattlichen roten Backsteingebäude am Landwehrkanal. Das ehemalige Umspannwerk steht stolz am Ufer, hält eine angenehme Terrasse für den Sommer parat.
Innen herrscht Atmosphäre pur, amperegeladen, Eisentreppen führen in zwei Etagen, metallene Speise-Separees ragen in die haushohe Restaurant-Galerie hinein, die mit gelben Backsteinen gekleidet ist. Sehr gelungen, nur wenige Restaurants besitzen so eine faszinierend-großzügige Raumarchitektur, die süchtig macht.
Auch der Rest hält die Spannung. Selten bekamen wir einen so ausgezeichneten Service geboten, aufmerksam, zuvorkommend souverän, heiter und bis hin zum Weinnachschenken perfekt abgestimmt. Man kann sich gelassen ins Gespräch vertiefen, ohne von Marginalien gestört zu werden.
Das Essen hält das Niveau. Das war nicht immer so, nach mehreren Kochwechseln steht jetzt Matthias Gleiß, ein ehemaliger Souschef von Stemekoch Kurt Jäger an den Schaltern und überzeugt mit wohldosierten kulinarischen Glanzlichtern. Der Saibling ist perfekt geräuchert und mit dem Salat von Schwarzwurzeln eine einzige Freude. Das Petersilienwurzelsüppchen ist klassisch aromatisch und von sämiger Konsistenz. Der Kalbsrücken auf Rübchen und Topinambur wunderbar gebraten (3 Gänge, 30 Euro). Höhepunkt ist das gebratene Filet vom Eismeer-Kabeljau auf Kraut und Rüben (18,50 Euro), eine kulinarische Seltenheit - das Fleisch schneeweiß und fest, als käme der Fisch gerade aus dem Fjord.
Artikel erschienen am 16. Januar 2005
Berliner Backsteinbauten von Hans Heinrich Müller
Die Logik der Form Paul Kahlfeldt
Etwas über H H Müller haben wir zuerst beim Essen gehen wahrgenommen.
Das gleichnamige und ob seiner gleichmäßig guten Küche zu empfehlende
Restaurant in Kreuzberg am Paul-Lincke-Ufer befindet sich im ehemaligen Abspannwerk
für das Hans Heinrich Müller 1924/26 verantwortlich zeichnete. Abspannwerke,
Umformwerke, Stützpunkte, Gleichrichterwerke und zu Beginn und gegen Ende
der Karriere das eine oder andere Landhaus - so liest sich das Werkverzeichnis
der 79 Entwürfe des Architekten. Eigentlich muß man ja sagen, daß
alle Architekten von bedeutenden Industriebauten auch große Künstler
waren. Bei H H Müller fasziniert vor allem die filigrane Gestaltung der
monumentalen Bauten. Beim Kraftwerk Rummelsburg wirken zum Beispiel die hohen
Fenster wie die einer gotischen Kathedrale, ohne kitschig zu sein. Müller
lehnt sich an die Backsteingotik an, aber zitiert auch aus anderen Zeiten bis
zurück zu den Persern, wenn es darum geht, schön zu bauen. Der Bewag
ist es zu verdanken, daß sie den Architekten, der so viel geleistet hat
und dessen Bauten heute technisch nicht mehr notwendig sind, durch Ausstellungen
und Publikationen wie diese würdigt. Über 40 Stromverteilungsanlagen
hatte Müller für die Bewag im ganzen Stadtgebiet konzipiert, 27 stillgelegte
existieren noch. Die Architekten Petra und Paul Kahlfeldt haben mehrere der
Bauten einer neuen Funktion zugeführt.
Die Logik der Form, Berliner Backsteinbauten von Hans Heinrich Müller, Paul Kahlfeldt, 192 Seiten, Jovis Verlag 2004, 192 Seiten, 29,80 Euro
Von TISCH zu TISCH
H. H. Müller - Lauch mit Charakter, entspannt serviert
Von Bernd Matthies
Ihnen kann ich's ja sagen: Manchmal sitze ich in irgendeinem Luxusrestaurant, lasse die Teller mit den vielen kleinen Gängen und die Gläser mit den vielen edlen Weinen an mir vorüber eilen, zahle eine haarsträubend hohe Rechnung und frage mich dann: Wollen die Gäste so etwas wirklich? Ist es das viele Geld wert?
Darauf gibt es natürlich keine vernünftige Antwort. Aber wenn Leser anrufen, dann meistens, weil sie eben nicht die letzte Perfektion um jeden Preis suchen, sondern ein Restaurant, in dem es für erträgliches Geld und in eher lockerer Atmosphäre was richtig Gutes zu essen gibt. Da wäre ,H.H.Müller" in Kreuzberg ein guter Tipp. Es ist noch nicht sehr lange her, dass ich hier über dieses Restaurant im alten Umspannwerk am Paul-Lincke-Ufer berichtet habe, doch das war eher das Protokoll eines Scheiterns. Inzwischen gibt es einen neuen Küchenchef, Matthias Gleiß, der nicht herumhopsen will, sondern dies offenbar als dauerhafte Aufgabe sieht, und auch der Service hat sich stabilisiert. So kam ein gelungenes Abendessen zustande, obwohl das Haus parallel mehrere Weihnachtsfeiern zu versorgen hatte.
Gleiß hat mehrere Jahre an der Seite von Kurt Jäger gekocht, im „Harlekin" und in Schloss Hubertushöhe. Er weiß also, was er tut, vermeidet aber den zugespitzten Gourmet-Stil, der in dieses eher an eine Edel-Kneipe erinnernde Restaurant ohnehin nicht passen würde. Deshalb verhebt er sich womöglich mit Kompositionen wie dem Salat von Languste und Schwarzwurzeln - an sich tadellos -, dem eine brenzlig nach Fett müffelnde Frühlingsrolle beilag. Doch schon der Tunfisch, ä la mode nur außen ein paar Sekündchen angebraten, harmonierte gut mit einer Schicht Tomaten und Topinamburchips; die Jakobsmuscheln, die die Hülle von gebackenem Strudelstroh" nicht wirklich brauchten, lagen auf charaktervollem Lauch, die tadellos saftig, aber nicht zu mürbe gebratenen Rehrückenfilets fügten sich wunderbar in eine traditionelle Umgebung von Maronen und Pfeffersauce.
Der perfekt auf der Haut gebratene Kabeljau wurde von Petersiliennudeln und recht süßen Rote Bete nach meinem Geschmack zu sehr bedrängt - als wir auf Rotwein umstiegen, besserte sich die Balance merklich. Allerdings fehlt hier ein kompetenter Sommelier, der derlei Dissonanzen im Ansatz erkennen und verhindern würde. Nichts gegen die Weinkarte: Sie kommt von einem kompetenten Händler und bietet Exzellentes wie einen halbtrockenen Rheingauer Riesling von Josef Leitz für nur 23 Euro; kaum irgendwo sonst gibt es so viel flüssige Attraktionen unter 50 Euro. Und auch das Essen ist vernünftig kalkuliert, vier Gänge kosten 38 Euro.
Was hatten wir noch? Marian Radke, der ,Berliner Patissier des Jahres', hat unmittelbar nach der Ehrung hier angemustert und aus dem First Floor' feine Desserts wie die knusprig getrockneten Apfelscheiben mit Mohneis oder Topfenknödel auf Äpfeln und Quitten mitgebracht - nur die Schokofüllung in den Knödeln kam uns etwas alkoholisch verbittert vor.
Das ist unter dem Strich eine glänzende Bilanz, nimmt man den zwar nicht perfekten, aber sehr freundlich und aufmerksam agierenden Service hinzu. Dies wäre in seiner heutigen Form also durchaus das Restaurant, nach dem Sie immer schon mal fragen wollten.